«Weltverbesserin» – im guten Sinne…

Im März 2019 kürte Radio SRF 1 zusammen mit «Schweiz aktuell» den «Helden oder die Heldin des Alltags 2018». Geehrt werden Menschen, die sich in der Schweiz ehrenamtlich einsetzen. Jennifer Perez aus Bottmingen war unter den Finalistinnen und Finalisten.

(Bilder: SRF) Jennifer Perez aus Bottmingen an der grossen Finalgala bei der Preisverleihung zur/zum «Held/in des Alltags» 2018

Schon acht Mal vergaben Radio SRF 1 und «Schweiz aktuell» den Titel «Heldin oder Held des Alltags» – eine Auszeichnung für Menschen, die sich in der Schweiz freiwillig und unentgeltlich engagieren. Aus über 300 Vorschlägen aus dem Publikum hat die Jury mit SRF-Moderatorin Daniela Lager, SRF-Moderator Christian Zeugin, Sänger Marc Sway, Redaktionsleiterin des «Migros Magazin» Yvonne Samaritani und Theres Arnet-Vanoni, Präsidentin der Fachstelle Benevol, fünf Personen für den Titel nominiert. Eine dieser Nominierten war Jennifer Perez, 30, aus Bottmingen. Jennifer Perez hat im Rahmen ihres Studiums in soziokultureller Animation 2011 den Walk-in Closet initiiert – eine Art Kleidertauschbörse. Sie will damit Jugendliche sensibilisieren, nicht sinnlos und übertrieben Kleider zu kaufen. Was als Angebot für Jugendliche gedacht war, wird inzwischen von Menschen jeden Alters genutzt und ist schweizweit ein Erfolg. Gewonnen hat sie den Titel «Heldin des Alltags» zwar nicht, aber die Popularität des Projektes ist aufgrund der Promotion in den Medien enorm gestiegen.

Ein «Energiebündel» mit Sinn für gemeinnützige Projekte
Ihr Projekt «Walk-in Closet» wurde mit der Unterstützung von Infoklick.ch konzipiert und 2011 zum ersten Mal durchgeführt. Als Gründungsmitglieder bauten Jennifer und Jensy Perez, Ayesha Schnell und Cornelia Markus- Zbinden das Projekt ehrenamtlich auf. Nora Keller stiess bald dazu, um einen wesentlichen Beitrag zum Projekt zu leisten. Nun agiert das Projekt als gemeinnütziger Verein und wird unter der Leitung von Fabienne Plattner ehrenamtlich weitergetragen und ausgebaut. Die Idee und Umsetzung der Walk-in Closet Kleidertauschbörse stiess nach der ersten Durchführung bei einigen jungen Erwachsenen aus der ganzen Schweiz auf grosses Interesse, sodass in den Jahren 2012 und 2013 in sechs Schweizer Städten (Basel, Bern, Luzern, Zürich, Winterthur, Neuchâtel) Freiwillige aktiv wurden und mit dem Coaching vom Walk-in Closet Team Kleidertauschbörsen organisierten. Seit 2016 erhält der Verein Unterstützungsgelder der Stiftung Mercator Schweiz.

Jennifer Perez ist enorm aktiv: Sie ist nicht nur Präsidentin des Vereins «Walk-in Closet Schweiz», sondern arbeitet als Kinder- und Jugendbeauftragte in der Gemeinde Therwi und ist zudem Independent music artist der Künstlergruppe «La Nefera». Wir wollten mehr wissen über das 30jährige Energiebündel, das zuletzt mehrere Wochen für ein gemeinnütziges Projekt im von Unwetterkatastrophen geplagten Mosambik war.

Jennifer Perez, Sie haben, seit der Teilnahme am Wettbewerb «Helden des Alltags» viel Popularität genossen…
J. Perez: Ja, vorher war ich sehr mit meinen vielen Projekten beschäftigt, um mir besondere Gedanken zu machen, was diese Nomination eigentlich bedeutet. Als ich aber dann nominiert wurde, wurde ich doch etwas nervös. Von über 800 Einsendungen an Projektvorschlägen, waren wir unter die fünf Besten und vertraten damit über zwei  Millionen Menschen, welche freiwillige Arbeit leisten. Es war sehr eindrücklich mit den anderen Nominierten zu sprechen und zu sehen, was für tolle Projekte diese Menschen auf die Beine gestellt haben. Die Beweggründe, welche sie zur Initiierung ihres Projektes gehabt haben und die Motivation, welche sie haben um nach vielen Jahren weiterzumachen. Es ist sehr wichtig, dass bei all den negativen Medienmitteilungen und Geschehnisse auf dieser Welt auch Positives gezeigt wird. Ich bin überzeugt, dass diese positiven Gedanken und Taten ansteckend sind und weitere Menschen dazu mobilisieren können Gutes zu tun.

Wie kam es zur Nominierung?
J. Perez: Ich habe letztes Jahr an einem Runden Tisch zum Thema «Partizipation» teilgenommen. Dies war ein Think Tank des Migros Kultur-Prozentes, bei welchem junge Menschen, welche in der freiwilligen Arbeit grössere Projekte leiten, eingeladen wurden. Es ging darum gemeinsam zu diskutieren, was es benötigt um freiwilliges Engagement zu fördern und längerfristig zu sichern. Dort muss ich einen guten Eindruck hinterlassen haben, denn Frau Cornelia Hürzeler vom Migros Kultur-Prozent hat mich dann als Heldin des Alltags vorgeschlagen.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Walk-in Closet gekommen?
J. Perez: Im Rahmen meines Studiums in Sozialer Arbeit zur Soziokulturellen Animatorin suchte ich nach einem Thema für eine Projektarbeit. Im Gespräch mit Freundinnen merkte ich, dass jede von uns Kleider im Schrank hatte, die sie nie trug. Also habe ich eine Bedarfserhebung bei jungen Leuten zwischen 15 – 25 Jahren in der Stadt Basel durchgeführt und sie nach ihren Bedürfnissen und Ideen gefragt.  Und so kamen wir ursprünglich auf die Idee eines Jugendflohmarktes. Nach weiteren Dokumentanalysen und Überlegungen habe ich mich aber für eine Kleidertauschbörse entschieden. Mir erschien es als wichtig, dass wir nicht eine Plattform für unbedachten Konsum initiieren, sondern Solidarität und Sensibilisierung fördern. Im 2011 fand der erste Walk-in Closet im Unternehmen Mitte in Basel statt.

Wie kommt das Projekt bei der Bevölkerung an?
J. Perez: Sehr gut. Wir haben immer viele Besuchende. Das Interesse der Teilnehmenden ist unterschiedlich. Manche interessieren sich sehr für das Thema, andere kommen einfach, um sich treffen, zu plaudern und Kleider anzuprobieren. Das ist auch in Ordnung. Die Tauschbörse soll auch ein Begegnungsort sein. Die Tatsache, dass sie tauschen anstatt neu zu kaufen, reduziert die Verschwendung und fördert die weitere Verwendung bereits eingesetzter Ressourcen. Wir hatten auch schon mal über 500 Leute vor Ort. In der Regel sind es 100 bis 300 Personen. Das Ziel ist nicht so grosse Massen zu mobilisieren, ansonsten wird’s unüberschaubar und die Message kann gar nicht vermittelt werden.

Wie nachhaltig ist dieses Projekt?
J. Perez: Sowohl inhaltlich wie auch strukturell sind wir auf bestem Wege. Der Erfolg des Projektes begründet sich mit dem hohen Partizipationsanspruch, welchen wir verfolgen. Der Grund, warum unsere Idee so expandiert, liegt darin, dass wir mit lokalen Multiplikatoren arbeiten, welche unsere Vision teilen. Auch durch die Kooperation mit ExpertInnen. Unser Vorstand beispielsweise besteht unter anderem aus Leuten von Public Eye, Zero Waste Schweiz und von der nationalen Kinder- und Jugendförderung infoklick.ch. Mit ihnen wird gemeinsam über Strategien diskutiert, welche die Weiterentwicklung und Etablierung des Vereines fördern, nachhaltige Werte und Normen nicht verletzen.

Was wollen Sie als nächstes mit diesem Projekt erreichen?
J. Perez: Bisher haben wir mit einer kleindotierten Koordinationsstelle die ganzen Events, Kommunikation und Administration bewältigt. Wir sind aber längst an unsere Grenzen gestossen. Das Ziel ist es baldmöglichst Unterstützung zu suchen, um unsere Organisation und die Professionalisierungsprozesse, in welchen wir uns befinden, realisieren zu können.

Haben Sie bereits neue spannende Ideen für Projekte und wenn ja, welche?
J. Perez: Im Rahmen meiner Arbeit als Kinder- und Jugendbeauftragte ist es meine Aufgabe, die lokale Kinder- und Jugendförderung weiterzuentwickeln und die Umsetzung der Kinderrechte zu gewährleisten. Das bedingt die Initiierung grosser Projekte, welche die Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Gemeinwesen, Politik und Verwaltung garantieren. Auch bin ich in der Freizeit und musikalisch an vielen verschiedenen Projekten dran. In Mosambik hatte ich im April auch Auftritte. Ich spiele heute noch Benefizkonzerte für Viva con agua. Im Studium an der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit lernte ich den heutigen Geschäftsleiter von Viva con agua Schweiz, Gregor Anderhub, kennen. Ich war zur Entstehungszeit von Viva con Agua Schweiz sehr engagiert. Irgendwann wurde Walk-in Closet immer grösser und die Zeit leider knapp, um überall aktiv mitzuwirken.

Wie würde man Ihren Stil als Sängerin bezeichnen?
J. Perez: Ich bin mit vielen Musikeinflüssen aufgewachsen. Meine Musik ist aber eher im Bereich Urban angesiedelt. Ich mache Musik und bin in mehreren Formationen unterwegs. Ich bin Frontfrau in einer internationalbesetzten Brassband und habe noch meine eigene Band. Auch bin ich Mitglied der palästinensisch- schweizerischen Frauenband «Kallemi».  Ich interessiere mich sehr für verschiedene Kulturen und bin sehr froh, dass ich durch meine Kunst Zugang zu unterschiedlichen Ländern und Lebenswelten bekomme.

Wann kann man Sie in Basel sehen?
J. Perez: Mit La Nefera am 29.05. im Sommercasino Basel und am 6.7. als Vorband von Orishas in Augusta Raurica. Mit Kallemi im August an einem grossen Festival in Basel. Die Details werden noch verkündigt. Und mit Error 404 am 16.8. am Bebby sy Jazz.

Wann sind die nächsten Tauschbösen Termine in Basel?
J. Perez: Wir haben über 20 aktive Standorte und kriegen ständig neue Anfragen. Pro Jahr finden eine Frühlings- und eine Herbstreihe statt mit bis zu 20 Events in der ganzen Schweiz. In Basel hatten wir am 3. Februar in Kooperation mit dem Quartiertreffpunkt Gleis 58 und am 8. März in Zusammenarbeit mit der Nachhaltigkeitswoche der Universität Basel einen Anlass durchgeführt. Für den Herbst halten wir noch Ausschau nach einer weiteren Kooperation.

JoW, Interview: Daniele Ciociola

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