Mit spitzer Feder …

Scheitern wird meistens verbunden mit Schwäche zeigen und nicht funktionieren. Wer scheitert – wobei auch immer – gilt in einer Gesellschaft, in der nach Perfektion und Karriere gestrebt wird, als Versager. In Zeiten, in denen wir unser Umfeld und uns selbst so perfekt für ein Foto drapieren, ist das Scheitern im privaten und beruflichen Umfeld nicht gern gesehen. Es geht immer höher, immer weiter. Jedoch niemals nach unten. Und wer doch eine Bruchlandung hinlegt, bleibt für sich. Doch Hand aufs Herz – wir alle scheitern in unseren Leben immer wieder. Scheitern ist doch ein sehr persönliches Gefühl – und jeder setzt den Massstab seines Scheiterns anders. Unser erstes Scheitern ist das Hinfallen nach den ersten Schritten, dann kommt das Balancieren nach den ersten Tritten in die Pedalen und dann das Untergehen beim Erlernen des Schwimmens. Tja, und so zieht sich das Scheitern wie ein roter Faden durch unser Leben – die erste verhaute Prüfung, der erste Liebenskummer, Stellenverlust, Scheidung und so weiter. Das sind alles kleinere und grösser Niederschläge, die wir einstecken müssen.
Auch ich bin schon oft gescheitert: in jungen Jahren habe ich nach mehreren Anläufen eine wichtige Prüfung nicht bestanden und meine Beziehungen sind bis jetzt immer kläglich gescheitert. Der Höhepunkt meiner Niederlagen war eine lange, toxische Beziehung. Sie war das grösste Missverständnis meines Lebens. Und hier lernte ich: Scheitern kann weh tun, richtig fest weh tun – körperlich, seelisch und mental. Es war eine ganz schlimme und schmerzvolle Zeit: Ich habe gelitten, geweint, gekämpft und mich im Kreis bewegt, bis dann doch die ersten Silberstreifen am Horizont aufgetaucht sind, und sich der Wind gedreht hat. Nachträglich war dies eine äusserst lehrreiche Lektion des Lebens für mich. Dieses Scheitern war eine Befreiung, hat mich geläutert, geordnet und viele wichtige Erkenntnisse gebracht. Dieses Scheitern hat mich geschliffen wie einen Diamanten und meine beste Version zum Strahlen gebracht. Ich bin nun stärker, agiler und klüger als zuvor. Scheitern ist nicht das Ende des Lebens, sondern jede Niederlage bietet uns die Möglichkeit zu wachsen, über uns selbst hinaus – in den Himmel. Misserfolg ist immer wieder eine Chance, aus unseren Lebenserfahrungen zu lernen und den für uns bestimmten Weg zu gehen und unser Leben anzupacken. Der Schriftsteller Franz Kafka wusste schon «Wege entstehen dadurch, dass wir sie gehen.» Lernen lebt zu einem wesentlichen Teil von Fehlern, Missgeschicke, Unzulänglichkeiten, von Mangel und Mängeln und von Veränderungswünschen. Fehler und das Scheitern sind jedoch nicht einfach sein zu lassen – und zwar im doppelten Wortsinn: Sie sind schmerzhaft inakzeptabel und liebenswert existent. Eben: «Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen».
Wir tun uns oftmals sehr schwer mit Menschen, die gescheitert sind und noch schwerer mit unserem eigenen Scheitern. Wenige pflegen eine sogenannte Fehlerkultur, so dass sie einem weiterbringt und zum Erfolg beiträgt. Oftmals ist das Verständnis in der Gesellschaft für gescheiterte Menschen nicht besonders gross. Dabei wäre es doch ganz einfach: Ein verständnisvolles Umfeld gibt Kraft, ein verständnisloses raubt sie. Wir dürfen uns kein Urteil über die Schwächen anderer erlauben. Jeder empfindet anders. Während ich keinen Stress habe mit plärrenden Kindern, kann der andere dafür mit beruflichen Unsicherheiten leben. So ist das eben. Wir alle sind anders. Genauso wie jeder Mensch ab und zu in seinem Leben am Punkt des Scheiterns steht. Wie gross und klein das ist, definiert jeder für sich. Was bei allem hilft: sich gemeinsam unterstützen. Auch in schwachen Zeiten. Sich zeigen, dass in unserer Instagram-Ästhetik-perfektionierten Welt nicht alles so perfekt ist – und vor allem perfekt sein muss. Hätten wir nur Erfolg, würden wir uns nicht mehr weiterentwickeln. Wir würden auf einem Level stehen bleiben. Deshalb erlauben Sie sich zu scheitern – und Sie erlauben sich zu gleich sich selbst zu übertreffen.
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin


