Mit spitzer Feder …

Mein unterer Rücken tut weh und mein Nacken oft auch. Ich weiss auch, woher das kommt: Vom langen Sitzen vor dem Bildschirm und von meiner ständigen, inneren Angespanntheit, die viele Gründe hat. Das ist eine andere Geschichte. Mein Rücken und ich – wir haben schon viele Abenteuer und Odysseen miteinander überstanden. Physisch und psychisch in der Balance zu bleiben, ist ein Lebensthema von mir. Mein Körper, respektive unter anderem mein Rücken reagiert auf jede Unausgeglichenheit wie ein Seismograph. Mit den Jahren bin ich eine wahre Trapezkünstlerin geworden und schon über einige Abgründe balanciert, obwohl ich doch gar nicht schwindelfrei bin. Dabei habe ich meine ganz eigene Strategie entwickelt, um immer schön Haltung zu bewahren. Als ganz junge Frau hat mich eine doppelte Diskushernie in die Knie gezwungen und das Fürchten gelernt und mir unendlich viel Geduld, Durchhaltewillen und Disziplin abverlangt. Nach einem heftigen, schmerzhaften Rückfall, habe ich gelernt, nur meinen Rucksack und nicht denjenigen von anderen Menschen zu tragen. Mit viel Achtsamkeit, Empathie und nonverbaler Kommunikation mit meinem Rücken sowie einer grossen Portion Chinesischer Akupunktur ist es mir gelungen, meine Bandscheiben zum schmerzfreien Kooperieren zu bringen. Mein Rücken hat dann so mehr oder weniger meine emotionalen, seelisch-körperlichen Sinuskurven mitgemacht. Seit einiger Zeit allerdings protestiert mein Rücken öfters und macht mir das Leben schwer. Und da ist es wieder mein Lebensthema Körperhaltung und Psyche – wie bleibe ich in der Balance und bewahre Haltung trotz allen Widerwärtigkeiten und Zumutungen des Lebens?»
Als der wöchentliche Gang in die Physiotherapie auch nicht mehr wirklich geholfen hatte, war mir klar – schlechte Haltung macht unglücklich! Ich hatte Panik vor einem irreversiblen Haltungsschaden. Ich will im Alter nicht einen Buckel wie der Glöckner von Notre-Dame, oder am Stock oder Rollator gehen. Doch nicht nur die Seele formt den Körper. Auch das Umgekehrte gilt: Welche Haltung man wählt, beeinflusst die seelische Verfassung. Erklären lassen sich diese faszinierenden Wechselwirkungen von Körperhaltung und Psyche damit, dass das Gedächtnis in Netzwerken organisiert ist. Ist also ein Netzwerk mit Trauer assoziiert, so sind darin Erinnerungen, Gedanken, Bilder, Erfahrungen enthalten, aber auch motorische Aspekte wie die Körperhaltung. Ich erlebe das mit meinem äusserst sensiblen und psychosomatischen System tagtäglich. Steht ein herausforderndes Ereignis an, reagiert der Körper – momentan eben der Rücken. Die Verspannungen kommen und gehen. Ich habe mir deshalb angewöhnt, möglichst bewusst gerade zu gehen – Kopf hoch, Schultern zurück und aufrecht bleiben. Denn wer gerade sitzt oder geht, kann besser mit (emotionalem) Stress umgehen. Es stimmt wirklich und ist Übungssache. Ebenso hab ich mir angewöhnt, morgens wenige, kleine aber effiziente Rückenübungen vor dem Aufstehen zu absolvieren und abends an meiner Ballettstange den Tag nochmals in graziöser Haltung zu beenden. Im Büro versuche ich zwei bis drei Haltungswechsel pro Stunde hinzubekommen. Ebenso habe ich mir sogenannte Ballkissen und Sitzbälle angeschafft – ein wirklich tolles Mittel für eine gute Haltung.
Für mich bedeutet Haltung als langjährige Balletttänzerin zwei Dinge: Ästhetik und Aufrichtigkeit. Es ist mir wichtig, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen mit grossem Herz und ehrlicher Seele, ganz nach dem Motto «my body is a temple» – zu Deutsch «Mein Körper ist heilig». Die gerade Haltung hilft auch den inneren Organen. Wer aufrecht geht und steht, dem fällt es automatisch leichter, tief einzuatmen.
Das probateste Mittel allerdings, dass Kummer und Schmerz nicht ins Kreuz fährt, ist Bewegung. Egal, ob Spazieren, Rennen, Treppensteigen oder Purzelbäume schlagen – tägliche Bewegung hilft, nicht einzurosten – körperlich wie mental.
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin


