Das «schwächste Glied» im Strassenverkehr

Herbst und «Velofallen» – Höheres Unfallrisiko für Velofahrer in Basel Stadt?

Basel ist und bleibt eine Herausforderung für Verkehrsteilnehmende auf zwei Rädern – besonders und jetzt erst recht im Herbst. Die Dauerthemen heissen: Zu hohe Haltekanten und zu viele sehr enge Fahrbereiche zwischen den nunmehr rutschig werdenden Tramschienen und Trottoirs. Das neueste Ärgernis der Fahrradfahrenden: Der Kanton hält offenbar noch an der für Velos unvorteilhaften Bauweise bei den Haltekanten fest. Obwohl dies nicht nötig sein müsste, weil der Bundesrat Teilerhöhungen erlaubt.

(Bild: Fotolia) Verkehrsteilnehmende auf dem Velo haben in Basel derzeit wieder viele Gründe, sich aufzuregen. Es lauert überall Sturzrisiko.

Verkehrsteilnehmende auf dem Velo haben in Basel regelmässig berechtigte Gründe, sich aufzuregen. Es lauern überall Sturzrisiken und so genannte «Velofallen». Viele beklagen ein erhöhtes Unfallrisiko im Stadtgebiet. Man spricht oft etwas pathetisch, aber dennoch nachvollziehbar von einem täglichen «Überlebenskampf» auf den Basler Strassen. Und kürzlich gab es wieder einen tragischen Unfall eines Velofahrers mit Todesfolge. Auch wenn dieser letzte Velo-Verkehrstote in der Region sich durch Eigenverschulden in tödliche Gefahr brachte, so zeigt sich bei der Aufarbeitung des Unfallhergangs einmal mehr, wo die Probleme und Gefahren für Verkehrsteilnehmende auf Fahrrädern lauern. Was war passiert: Der 92-jährige Velofahrer fuhr in Reinach auf dem parallel verlaufenden Weg zu den Tramgeleisen aus Richtung Münchenstein zur Tramhaltestelle Lochacker in Reinach. Bei der Tramhaltestelle fuhr er ohne Abzusteigen nach links über den Tramübergang und übersah dabei ein aus gleicher Richtung einfahrendes Tram. Es kam zu einer frontalen Kollision, wobei der Mann unter dem Tram eingeklemmt wurde. Unter anderem geht es also einmal mehr um das leidige Thema mit den Tramgeleisen. Und einher gehend damit auch um die behindertengerecht ausgestalteten (zu) hohen Haltekanten an Tramhaltestellen. In Basel-Stadt ist dieser Streitpunkt natürlich viel virulenter als im Nachbarkanton. Und jetzt im Herbst mit der Nässe, mit dem Laub auf den Tramschienen und der Sichteinschränkung wegen der Wettereinflüsse wird es besonders gefährlich.

Leidiges Streit-Thema Haltekanten «reloaded»
Hier passt es eben auch ins Bild, dass die Kritik am Kanton bezüglich der Haltekanten, welche die Tramschienen gefühlt noch gefährlicher und den Platz zwischen den hohen Kanten und den Geleisen noch enger erscheinen lassen, wieder Fahrt aufnimmt. So sagte beispielsweise LDP-Grossrat Raoul I. Furlano bei seinem Vorstoss an die Regierung gegen die aktuelle Ausgestaltung der Haltekanten: «Es besteht Sturzgefahr und zahlreiche Unfälle sind bereits geschehen. Für Velos ist der Abstand zwischen der Kante der Haltestelle und der Schiene sehr klein.» In Basel beträgt der Abstand zwischen Haltestellenkante und Schienenkopf 72 Zentimeter. Davon seien wegen des Schienenkopfs und der Gummifüllung noch rund zehn Zentimeter abzuziehen. Den Velofahrern bleiben somit an vielen Stellen zwischen drohendem Einhängen mit dem Pedal an der hohen Kante und dem möglichen Hängenbleiben in der Tramschiene mit dem Vorderrad rund 65 Zentimeter. Anderswo in der Schweiz ist man da grosszügiger, wo der Abstand zwischen Perron-Haltekante und Schiene meist 1,40 Meter besteht (div. Quellen).

(Bild: Pexels.com) Der Herbst ist da und damit einher auch neue «Risiken» für Velofahrende in der Stadt. Nicht nur wegen der hohen Haltekanten und rutschigen Tramgeleise

«Kissen» statt Erhöhung entlang der gesamten Perronlänge
Besonders ein Aspekt aber erregt die Gemüter: Es wurde auf Nachfrage des Basler LDP-Nationalrats Christoph Eymann bei den zuständigen Stellen der Landesregierung mitgeteilt, dass eine Erhöhung der Haltestellenkanten nicht auf ganzer Länge der Perrons notwendig seien. Teilerhöhungen seien also demnach erlaubt. Das Fazit heisst also: Wenn die Bedürfnisse der Velofahrenden nach Sicherheit die Interessen der mobilitätseingeschränkten Personen nach einem autonomen Ein- und Ausstieg an mehreren Fahrzeugtüren überwiegen, können Teilerhöhungen anstelle von Erhöhungen auf der gesamten Perronlänge realisiert werden. Denn jede Haltestelle kann grundsätzlich bei mindestens einem Zugang pro Tramzug den niveaugleichen Einstieg erfüllen. Das zuständige Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) könnte sogenannte «Kissen», eine Art Erhöhungen an einer Stelle der Tramhaltestelle, aufbauen. Dort könnten dann Leute mit einem Rollstuhl im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes autonom einfahren.

Auch ein anderer Vorschlag wird wohl nicht realisiert: Die BVB könnte die Geleise mit einer speziellen Gummi-Mischung auffüllen. Die Velofahrer könnten die Geleise dann ohne Sturzgefahr überqueren. Die Trams hingegen seien genügend schwer, um den Gummi wegzudrücken und dadurch könnten sie problemlos weiter auf den Schienen fahren. Diese Lösung sei aber, so zeigen Recherchen, sehr kostenintensiv.

Nicht nur in der Opferrolle…
Dass aber die Velo-Fraktion nicht nur die «Opferrolle» einnimmt, ist auch eine Tatsache. So wurde in den letzten Jahren mit dem grossen Aufkommen des E-Bike Trends und generell einer starken Zunahme von Velos im Strassenverkehr auch eine Verrohung der Sitten bezüglich der Kohabitation zwischen Fahrradfahrenden und den anderen Verkehrsteilnehmenden festgestellt. Zunehmend sind es die so genannten «Velo Rowdies», die den Zorn der Fussgänger, aber auch der Autofahrer auf sich ziehen. Der härtere Umgangston mit den Verkehrsteilnehmenden und die Nichtberücksichtigung der Verkehrsregeln bei einigen Fahrradfahrenden nehmen zuweilen Überhand. Eigentlich haben die Trends zu mehr Bewegung, besserer Fitness, der Drang nach der optimierten Work-Life Balance und besonders jene zu bewussterem Leben bezüglich Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit sehr gute Nebenwirkungen. Einer davon ist gewiss der «Velo-Boom». Aber auf die Nebenwirkung des Velo-­Booms mit den Fahrrad-Rowdies kann man gerne verzichten. Auf Trottoirs schlängeln sie sich durch die Menschen, fahren in Einbahnstrassen, missachten Verkehrsregeln, sind ohne Licht unterwegs und bringen sich selbst in Gefahr. Manch einem motorisierten Verkehrsteilnehmer bleibt hierbei die Luft weg und das Herz rutscht in die Hose, wenn aufgrund eines Fehlverhaltens eines unmotorisierten Verkehrsteilnehmers auf zwei Rädern ein Bremsmanöver ansteht und knapp ein Unfall verhindert wurde. Auch bei der Kantonspolizei Basel wurde dieser Trend sehr wohl bemerkt. Ein zusätzliches Problem sind zudem jene ungeübten oder unvorsichtigen E-Bikerinnen und E-Biker, welche die Geschwindigkeiten und Distanzen nicht so gut einschätzen würden.

Problematische Verkehrs­infrastruktur für Velofahrer
Velofahrer/innen sprechen aber ihrerseits nicht ohne Grund von einem täglichen Überlebenskampf inmitten von Blechlawinen. Bei Pro Velo beider Basel sensibilisiert man schon seit geraumer Zeit auf die Probleme bei der Verkehrsinfrastruktur. Das Image der Velofahrenden dürfe keineswegs wegen einiger Undisziplinierten Schaden nehmen. Ein Ärgernis sind zudem die hohe Anzahl von «Velofallen» im Stadtgebiet. Diese unübersichtlichen Stellen würden dazu verleiten, sich an bestimmten Stellen aus Angst vor einem Unfall mit Verletzungsfolgen oder Sachschaden nicht hundertprozentig verkehrskonform zu verhalten.

JoW

Weiterleiten
  • gplus
  • pinterest