Das Ziel ist ein «smartes urbanes Einzugsgebiet»

Mike Vogt lobbyiert von Basel aus für die «Smartifizierung» der Gesellschaft

Das Interesse an der «Smartifizierung» von Städten und von urbanen Einzugsgebieten ist im Steigflug. «Wir merken eine markante, lineare Steigerung beim Umsetzungswillen und einen spürbaren Drang nach Innovation, wenn es um das Thema eines smarten urbanen Einzugsgebiet geht», bilanziert Smart Suisse Initiator und Managing Director Mike Vogt und fügt hinzu: «Die Frage ist nicht, wo wir in fünf Jahren stehen, sondern wo wir vor fünf Jahren waren… .»

(Bild: Bilddatenbank Basel-Stadt) Auf dem Areal des Güterbahnhofs Auf dem Wolf wird das Pilotprojekt realisiert, wonach ein «smartes Industriegebiet» entstehen soll.

Eine «intelligente Stadt» oder «smarte» Region liesse sich nicht einfach aus dem Boden stampfen, sagt Mike Vogt. Dies gelte nur für so genannte Retortenstädte oder neu gestaltete Urbangebiete. Aber der Umsetzungswille für smarte Lösungen und intelligente Vernetzungen sei enorm gestiegen. Speziell bei der Etablierung von Standards im Bereich der Data Governance, der Sensor- und der Kommunikationsinfrastrukturen. Hier mache sich, so Vogt eine lineare Steigerung bemerkbar, indem immer mehr Unternehmen und Städte sowie Regionen sich diesem Thema ganz konkret stellen.

Auch in der Politik und bei den Behörden generell, so Vogt weiter. Oft würde ihm von Seiten der Behörden jedoch gesagt, man sei doch nur eine kleine Gemeinde oder ein Städtchen mit 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern – da sei «Smartifizierung» ja noch nicht sonderlich effizient. Vogt pflegt jeweils folgendes daraufhin zu antworten: «Wenn ich eine Firma führen müsste mit einigen Tausend Mitarbeitenden, würde ich mit dem technologischen Wandel mitgehen wollen – ja müssen. Sonst verliere ich den Anschluss. Eine Gemeinde oder Stadt müsse man ja auch führen. Manchmal wie eine Firma. Und da stelle ich mir die Frage, ob ein Unternehmen mit 10’000 Leuten ein kleines oder grosses ist.» Mit diesem Ansatz hat Mike Vogt schon oft bei Zweiflern punkten und ein Umdenken erwirken können.

(Bild: zVg) Kenner und Frontmann: Mike Vogt ist in Sachen «Smartifizierung» der grosse Netzwerker und Exponent in der Schweiz

An der SmartSuisse 2019 in Basel, die erneut wieder einen Besucher- und Teilnehmer-Rekord verbuchte und noch mehr wichtige Exponenten und Entscheidungsträger/innen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft empfangen durfte, konnten Mike Vogt und sein Team optimal in ihrem Sinne netzwerken und inspirieren, aber auch Inspirationen einholen. Stolz ist Vogt vor allem auf die Tatsache, dass in den letzten Jahren sehr viel angeschoben werden konnte. Auch dank der SmartSuisse. «Wenn ich bedenke, wo wir vor fünf Jahren mit diesem Thema standen und was jetzt schon alles läuft. Das wird noch sehr spannend in den kommenden Jahren.» Vielleicht komme, so Vogt, auch bald durch Künstliche Intelligenz oder durch eine besondere Entwicklung eine «exponentielle Innovation» auf uns zu, die alles noch einmal beschleunige.

Verhältnis Stadtverwaltung-­Bürger muss sich ändern
Wichtig sei besonders das Verhältnis Verwaltung-Bürger/innen. Die Akzeptanz zu Vernetzung und Smartifizierung des Lebensraumes sei gestiegen. Aber bisher sei das Verhältnis Verwaltung-Bürger/innen eher eine Einbahnstrasse gewesen. Ausser sich an Abstimmungen zu beteiligen und vielleicht etwas Governance Angebote zu nutzen mussten sich die Bürger/innen nicht um viel kümmern. Aber in dieser Einbahnstrasse gehe viel ungenutztes Potenzial verloren, betont Vogt. «Nehmen wir eine Stadt mit 10’000 Einwohner. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Aber um beim vorhin genannten Beispiel zu verbleiben und wir stellen uns diese Stadt als Firma mit 10’000 Mitarbeiten vor, dann ergibt sich ein gigantisches Potenzial an Wissen und Erfahrungen!» Es sei eben alles eine Frage der Sichtweise und darum die Einbindung und das Engagement der Bürger in Zukunft so wichtig. Mike Vogt empfiehlt zum Beispiel allen Bürgerinnen und Bürger sich mit Ihrer Stadt intensiv auseinander zu setzen und Ihre Wünsche und Nöte der Stadtverwaltung mitzuteilen. Bei den regionalen Energieversorgern könne man Energieberatungsgespräche beantragen. «Man könnte beispielsweise einen Vergleich verlangen, wie die Wohnung oder das Haus energetisch abschneidet und welche Massnahmen man ergreifen kann, um Energie und Geld zu sparen. Die Smart City beginnt zu Hause und entwickelt sich über die Quartiere auf das gesamte Stadtgebiet aus.»

Die Vision der Smart Regio Basel
In der Region tut sich generell viel, was auch Mike Vogt bestätigt. Der Verein Smart Regio Basel smartregiobasel.ch zum Beispiel bezweckt die gezielte Förderung der digitalen Vernetzung in der Region Basel und unterstützt die Entwicklung einer Smart City «um im Kontext der Digitalisierung die Attraktivität des Lebens- und Wirtschaftsraums für die Bevölkerung und die ansässigen Unternehmen nachhaltig zu steigern und die lokale Wertnutzung und Wertschöpfung zu fördern».

(Bild: PEXELS) Wohin führt in den nächsten Jahren der Weg zur «smarten Region»?

Smart Regio Basel entwerfe, so heisst es, ein kohärentes Zielbild der Smart City Entwicklung der Region, vermittelt das grundlegende System und die notwendigen Standards einer Smart City und initiiert die Umsetzung von Pilotprojekten. Konkret heisst dies, dass Bewusstsein geschaffen werden müsse in der Bevölkerung, bei Institutionen und Firmen in der Region durch zielgruppenspezifische Information. Es soll Potential für die Region erkannt und die Vision der Region Basel als funktionales Smart Quarter in der Smart City Schweiz verankert werden. Ausserdem will Smart Regio Basel gemeinsam mit den relevanten Anspruchsgruppen Standards für die Realisierung einer Smart City in der Region, insbesondere im Bereich der Data Governance, der Sensor- und der Kommunikationsinfrastrukturen etablieren. Natürlich sollen auch Projekte initialisiert werden können, indem man basierend auf einem Themenscouting potentialorientiert Smart City Projekte anstösst und begleitet.

Aber auch auf dem mehrheitlich unterbenutzten Wolf-Areal zwischen dem Stadion St. Jakob und der Autobahnhausfahrt Basel City wird ein Pilot- und Beispielprojekt entstehen. Wohnungen und Büros werden auf rund 16 Hektaren (im Besitz der SBB) erstellt inklusive eines «Smart City Laboratory (Lab)». Im Visier hat man dabei einen «überregionalen Vorbildcharakter». Der heutige bimodale Umschlagplatz soll zum Innovationsstandort für «Smart City»-Projekte werden. Getestet werden soll dort, wie neue Informationstechnologien bei der Raumentwicklung eingesetzt werden können. Erstunterzeichner sind SBB und der Stadtkanton; weitere Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung werden dazu stossen. Man erhofft sich im Zuge der Digitalisierung und des gesamten technologischen Wandels, dass man mit diesem Beispielprojekt lernen kann, wie Infrastrukturen gut vernetzt und städtische Abläufe effizienter gestaltet werden können. Weitere Erkenntnisse im Zuge der 2000 Watt-Gesellschaft erhofft man sich zu folgendem Thema: Der Ressourcenverbrauch soll so trotz steigender Bevölkerungszahlen sinken; gleichzeitig sollen Standortattraktivität und Lebensqualität steigen.

Neuer Nutzungsmix
Der Nutzungsmix im künftigen Wolf-Quartier soll breit werden mit Logistik, Büros und Dienstleistern, Wohnraum, Gastronomie und Grünflächen. Angedacht sind zudem je eine zusätzliche Haltestelle für die S-Bahn und das Tram.

JoW


Die Kritiker der «Smart City»

Nicht alles ist von Vorteil, wenn so viele Daten zur Optimierung des Energiehaushaltes einer Stadt gesammelt werden. Auch das Thema der «Datenhoheit» ist ein schwieriges. So werden zum Beispiel in der Vorzeige-Smart City im Südkoreanischen Songdo von jeder einzelnen Person alle verfügbaren Daten zur Energiehaushalt-Optimierung gesammelt, was natürlich auch den Einblick in die Privatsphäre und ein so genanntes «Tracking» beinhaltet. In dieser Smart City wird man auf Schritt und Tritt «analysiert» und die Gewohnheiten werden ausgewertet. In der «Stadt, die mitdenkt» gibt es zwar viele Grünflächen, aber der autozentrierte Städtebau und die extreme «Smartifizierung» führe dazu, dass dennoch fast kein Leben auf den Strassen stattfinden würde.

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