«Willkommen in der Moderne»

Mit dem Prinzip «Muba 4.0» gegen die «angekündigte Agonie»

Die Muba kämpft mit Ideenvielfalt um das Weiterbestehen. Nicht wenige sagten jener Messe, die einst vor mehr als 100 Jahren den Grundstein für das moderne Messewesen in der Schweiz legte, den baldigen Niedergang voraus. Bei der wichtigen Zielgruppe der 15- bis 35-Jährigen weckte die Muba in den letzten Jahren immer weniger Interesse. Diesem Negativtrend wirkt man nun mit interaktiven, zeitgemässen Angeboten entgegen.

(Bild: © Kanton Basel-Stadt) Die muba kämpft gegen den Besucherschwund. Erste inhaltliche Massnahmen haben bereits gute Rückmeldungen bei der einen oder anderen Zielgruppe bewirkt.

(Bild: © Kanton Basel-Stadt) Die muba kämpft gegen den Besucherschwund. Erste inhaltliche Massnahmen haben bereits gute Rückmeldungen bei der einen oder anderen Zielgruppe bewirkt.

Die Schweizer Mustermesse fand 2016 zum 100. Mal statt. Heuer geht sie zum 102. Mal über die Bühne. Und man kämpft vehement mit zeitgemässen Ideen und Angeboten gegen das abnehmende Publikumsinteresse und die Abwanderung der Aussteller. Nur mit Ausstellern, die an einem Stand ein Produkt feilbieten, seien einige Zielgruppen nicht mehr in die Hallen zu locken. Es brauche zusätzliche Anreize wie Events, wurde intern festgestellt. Diese seien jedoch mit entsprechenden Kosten verbunden. Modernes Eventmarketing tat Not und es folgten tatsächlich Umsetzungen.

Mehr Interaktion mit dem erweiterten Zielpublikum
Dieses Jahr wurde beim Angebot aber schon deutlich spürbar einigen Zielgruppen zugespielt: INSPIRATION.live – Mitmachen und entdecken in der «Pop-up City» war ein als Fokusteil zentraler Aspekt der muba 2018. In der «Pop-up City» hatten kreative Köpfe die Möglichkeit ihre Projekte und Produkte vorzustellen. Auch dem e-Sports Trend wurde Rechnung getragen und Gäste konnten ein e-Sports-Duell mit Profis austragen. So hatte man an bestimmten Abenden die Möglichkeit, sich mit den e-Sports Profispielern Neftali Manzambi und Afimico Pululu an der Konsole zu messen. Das sind zwei Beispiele, die zeigen sollen, dass sich die Ausstellermesse zu einer Aussteller- und Eventmesse wandelt und so den zeitgemässen Bedürfnissen des ausgesprochen hetero­genen Publikums gerecht werden möchte.

 an der INSPIRATION.live galt das Motto: Mitmachen und entdecken in der «Pop-up City»

(Bilder: muba) An der INSPIRATION.live galt das Motto: Mitmachen
und entdecken in der «Pop-up City»

In die Sphären des «4.0 Zeitalters»
Ein weiterer Aspekt, der die Muba in die Sphären des 4.0-Zeitalters katapultieren soll: Gemeinsam mit dem Verein Energie Zukunft Schweiz, der sich für eine klimafreundliche und nachhaltige Energiezukunft einsetzt, wurde die CO2-Bilanz der muba 2017 evaluiert. «Diese ist im Vergleich zu anderen Events in der gleichen Grössenordnung schon sehr erfreulich, insbesondere aufgrund des Messestandorts», sagte Corinne Gasser von Energie Zukunft Schweiz in einem publizierten Interview. Verbesserungspotenziale gäbe es – so Gasser – in den Bereichen Mobilität und Gastronomie. Um das Ziel einer klimaneutralen Veranstaltung zu erreichen, strebe die muba danach, sich in Sachen Nachhaltigkeit ständig zu verbessern. So sei zum Beispiel seit 2018 der Transport mit den ÖV im ganzen TNW-Verbund beim Kauf eines muba-Tickets inbegriffen. Denn die An- und Abreise der Besucherinnen und Besucher tragen am meisten zu den CO2-Emissionen bei.

(Bilder: muba) Auch beim Thema Food wurde mehr Gewicht auf Interaktion mit dem Publikum als auf das reine Vorführen und Anbieten von Produkten gelegt.

Auch beim Thema Food wurde mehr Gewicht auf Interaktion mit dem Publikum als auf das reine Vorführen und Anbieten von Produkten gelegt.

Minergie, «Energy Challenge», Food-Sharing und Canabis
Auch im Bereich Gastronomie wurden erste Massnahmen zur Verbesserung der CO2-Bilanz vorgenommen. So motivierte man die Besucherinnen und Besucher, sich auch an der muba möglichst saisonal und regional zu ernähren. Und mit der Beteiligung an einem Food Sharing Projekt wollte die muba Foodwaste auf ein Minimum reduzieren. Täglich wurden die Aussteller aus dem Foodbereich ihre übrigen Lebensmittel und Gerichte, die nicht verkauft wurden, nicht einfach wegwerfen, sondern diese in Kühlschränken auf dem Messeplatz deponieren. An den Abholstationen konnte sich jeder ohne Voranmeldung bedienen und ein gutes Menü oder Zutaten für sein Abendessen ergattern.

Ausserdem besitzt die Messe Basel als einziges Messegebäude der Schweiz ein Minergie-­Zertifikat. Durch die Nutzung von Fernwärme und erneuerbarem Strom ergibt sich ein tiefer CO2-Ausstoss. Auch die «Energy Challenge», bei der auf Velos gestrampelt und Energie erzeugt wurde, die ins Stromnetz der Messe gespeist wird, war ziemlich beliebt. Filmfreaks traten im Velo-Kino in die Pedale. Und wer genügend Wissensfragen zu Energiethemen beantwortete, erhielt Zutritt zur Elektro-­Kartbahn. Und sogar ein Canabis Village wurde inszeniert.

Der Paradigmenwechsel
Die Messe, die im Ersten Weltkrieg in Basel als nationale Leistungsschau aus der Not entstand, legte den Grundstein für das moderne Messewesen in der Schweiz. Am 14. April 1917 hat der Basler Regierungsrat Hermann Blocher, der gleichzeitig Präsident des Organisationskomitees war, die erste Schweizer Mustermesse eröffnet. Sie fand im Stadtcasino, einigen Turnhallen sowie einer provisorischen Messehalle im Kleinbasel statt. Die Messe sollte als nationale Leistungsschau während des Ersten Weltkriegs den «Überlebenswillen der Schweiz und die landeseigenen Produkte stärken», wie es hiess. Im Werbeprospekt zur ersten Ausgabe waren etwa ein grosser Laib Käse, Schokolade, Messer und Uhren sowie Stumpen abgebildet. Teilnehmen durften nur Unternehmen mit einer komplett schweizerischen Belegschaft. 1945 wurden 450’000 Besuchende gezählt, fünf Jahre später 650’000. Bei der 50. Ausgabe knackte die Messe 1966 gar die Millionengrenze. Danach gingen die Besucherzahlen wieder zurück: Und zwar bis zu unter 130’000. Mit ein Grund für den Besucherrückgang war die Auslagerung von Fachmessen, die 1957 mit der «Holz» begann (Quellennachweis für alle Angaben: muba, SF). Einige der heute eigenständigen Messen haben die Mustermesse an Bedeutung klar überholt, etwa die 1973 erstmals durchgeführte Uhren- und Schmuckmesse, die heutige «Baselworld», oder die Swissbau. Einkaufszentren bieten – so Beobachter und Analysten – heute zudem ein ähnlich breites Angebot wie Publikumsmessen, und mit dem Internet sind Preisvergleiche auch international möglich. «Die Messe hat nicht mehr die Bedeutung, die sie einst hatte», sagte sogar René Kamm, Chef der MCH Group AG in einem SF-Interview – weder für das Publikum, die Schweizer Wirtschaft, noch für die Veranstalterin selbst.

Quellen: JoW, muba, SF, Energie Zukunft Schweiz

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