Sicherheitsempfinden: Hoffen auf die Trendwende

Positivere Kriminalstatistik 2018 – aber keine Entspannung in der «Gewaltproblematik»

Muss man sich in Basel wirklich unsicher fühlen? So genannte «No Go Area» gebe es nicht, heisst es von offizieller Stelle. Und dennoch soll rein statistisch gesprochen keine andere Schweizer Stadt eine höhere Kriminalitätsrate aufweisen als Basel. Gab es 2018 eine Trendwende?

(Bilder: zVg / Bilddatenbank Basel-Stadt) Polizeipatrouillen im Einsatz. Viele Baslerinnen und Basler nehmen die die Kriminalitätsbekämpfungsmassnahmen der Polizei wohlwollend zur Kenntnis. Aber nach wie vor bleibt bei vielen das Gefühl mangelnder öffentlicher Sicherheit.

Im 2017 war das Fazit der Kriminalstatistik Basel-Stadt im Vergleich zu anderen Ballungszentren wie Zürich, Bern oder Genf äusserst negativ konnotiert. So verzeichnete man pro 1000 Einwohner mit über 133 die meisten Delikte. In Zürich kam man auf 59,7, in Genf 102,8 und im Kanton Basel-Landschaft auf 38,8 Delikten pro 1000 Einwohner. Schnell wurde in Basel reagiert und man leitete Kriminalitätsbekämpfungsmassnahmen ein. In einigen Bereichen tragen diese schon Früchte, in anderen noch nicht. Denn nach wie vor stark diskutiert und emotional geladen ist das Thema «Gewalt» und Aggression in der Stadt Basel. Prügelattacken, wüste Schlägereien, totale Entladung von Aggression bis hin zu einem Tötungsdelikt am Rheinbord im Sommer 2018. Die Menschen in der Region machen sich Sorgen um den so genannten «Etat d’ésprit» beziehungsweise dem Verhaltensmuster ihrer Mitmenschen. Dass zuweilen nicht nur nachts in dunklen Gassen oder menschenleeren Strassen, sondern auch am hellichten Tag an normal frequentierten Zonen überfallen, geprügelt, provoziert und hemmungslos zusammengeschlagen wird, gibt Anlass zur Sorge.

Basler No Go Areas: Existieren sie oder existieren sie nicht?
Es wurde in diesem Zusammenhang auch viel von der Existenz oder Nicht-Existenz sowie auch von der möglichen Entstehung von so genannten «No Go Areas» gesprochen. Offiziell wird die Existenz solcher «Areale» oder Problemquartiere verneint. Aber diese Frage beschäftigt viele in der Region, weil man in anderen mittelgrossen Städten Europas wie auch bei uns in Basel eine Tendenz zur Bildung dieser «No Go Areas» feststellt. In einem 2017 geführten Interview mit dem Ex-Kriminalkommissär und Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Markus Melzl sagte dieser folgendes: Die Entwicklung von «No Go Areas» sei kaum aufzuhalten. Es stelle sich für viele die Frage, ob in Basel-Stadt auch bald die eine oder andere «schwer kontrollierbare Zone» entsteht. In Basel sei kein ausgesprochenes Problemviertel mit hoher Kriminalitätsrate auszumachen, heisst es von Seiten der Polizei. Wenn auch es gewisse «Problemviertel» gebe mit einer etwas erhöhten Gefahr von Kleinkriminalität und latenter Gewaltbereitschaft. «Die Probleme kommen auch vermehrt von ennet der Grenze. In den mehr oder weniger naheliegenden Städten Mulhouse, Colmar und Belfort existieren brisante Problemviertel. Von dort kommen auch Kleinkriminelle zu uns, in der Hoffnung, dass es was zu holen gibt», so Melzl. Viel geredet wird in diesem Zusammenhang von Migrantenkriminalität und Kriminaltourismus, sagt er. Melzl weiter: «Ängste sind oftmals irrational, dennoch müssen sie ernst genommen werden. Ich bin der Meinung, dass wir nüchtern und mit klarem Verstand den Tatsachen ins Augen sehen sollen und uns nicht scheuen, klar Position zu beziehen; auch wenn dies nicht allen passt.»

Die Polizei ist immer öfter gefordert: Denn bei jenen Delikten, die besonders für das Gefühl der öffentlichen Sicherheit entscheidend sind, nehmen die Fälle weiter zu

27 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen meiden gewisse Orte
Einige Studien zeigen ausserdem: Die meisten Erwachsenen in der Schweiz fühlen sich sicher, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit in der eigenen Wohngegend zu Fuss unterwegs sind. Dennoch geben 27 Prozent der Männer und sogar 53 Prozent der Frauen an, gewisse Orte aus Sicherheitsgründen zu meiden. No Go Areas sind aber nicht nur Quartiere oder Strassenzüge, sondern zum Beispiel auch verlassene Orte wie Unterführungen, schlecht überblickbare Plätze mit geringer Beleuchtung oder Parkhäuser. Besonders Frauen verspüren an solchen Orten oft kein Sicherheitsgefühl (Quelle: «Sicherheitsmonitor» des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV). Auffällig ist, dass sich nicht nur Frauen, sondern auch politisch rechts stehende Personen überdurchschnittlich häufig nicht an bestimmte Orte wagen. Hier sind es jedoch eher «Problemquartiere» und andere städtische Gebiete, die gemieden werden. Generell sind «Bewegungsfreiheit» und das «Freisein von Angst» für Frauen zentrale Aspekte von Sicherheit und Freiheit. Dabei zeigen sich wiederum starke Übereinstimmungen mit Personen aus dem politisch rechten Spektrum. Derweil aus Frauensicht die Gefahr eines Übergriffs im Vordergrund steht, geht es bei politisch Rechtsstehenden eher um das Fremde, das Unsicherheit auslöst (Quelle: «Sicherheitsmonitor»).

Positivere Bilanz im ersten Halbjahr – aber nicht überall…
Zu den weiteren aktuellen Fakten: Immerhin ist die Deliktentwicklung in Basel im ersten Halbjahr 2018 bezüglich Gesamtkriminalität im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 um zehn Prozent zurückgegangen. Die Abnahme an Delikten bezieht sich vor allem auf die Bereiche der vorsätzlichen Tötungen (65 Prozent weniger), welche allerdings schon tiefe Fallzahlen aufwiesen. Erfreulich ist die Rückläufigkeit bei den Einbruch- und Einschleichdiebstählen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie es sich dann während den traditionellen «Einbruchsmonaten» Oktober und November entwickelt, wenn die Dämmerungseinbruchszeit – vor welcher die Polizei jeweils immer im Spätsommer warnt – beginnt. Einbruch- und Einschleichdiebstähle sind in Basel ein grosses Problem. In der ersten Jahreshälfte 2018 aber verzeichneten die Strafverfolgungsbehörden immerhin einen Rückgang von 30 Prozent und bei den Taschendiebstählen ein Minus von 35 Prozent. Die Sexualdelikte nahmen um fünf Prozent leicht ab und deutlich fällt der Rückgang beim Betrug mit einem Minus von 25 Prozent aus. Auch bei Sachbeschädigungen wurden 15 Prozent weniger als 2017 angezeigt und registriert.

Trotz des leichten Rückgangs der Gesamtkriminalität, scheint Basel das Problem der Gewalt noch nicht unter Kontrolle zu haben. Denn bei jenen Delikten, die besonders für das Gefühl der öffentlichen Sicherheit entscheidend sind, nehmen die Fälle weiter zu. Zum Beispiel bei Tätlichkeiten, wie sie etwa bei Schlägereien vorkommen, nahmen die Fälle um zehn Prozent zu, und am deutlichsten stieg die Deliktgruppe der Überfälle. Bei Raub und Entreissdiebstahl gibt es sogar eine Zunahme von 20 Prozent. Wo ebenfalls keine Entwarnung vermeldet werden kann, ist der Bereich der Gewaltdelikte und Drohungen gegen Behörden und Beamte. Die Tendenz nach oben der schon hohen Zahl der Fälle zum Vorjahr blieb gleich.

JoW, div. Quellen

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