«Je ne comprends pas …?» − Warum kann mein Kind noch immer kein «Franz»?

Übertritt in die Sekundarstufe im Sommer: Debatte zum Fremdsprachenkonzept wird heiss geführt

Nach wie vor gibt es viel Kritik zum neuen Fremdsprachenkonzept und dem so genannten Immersionslernen. In Basel Stadt und Baselland besuchen in diesem Schuljahr erstmals Kinder die Sekundarstufe, die vier Jahre Frühfranzösisch in der Primarschule hinter sich haben. Was ist von ihnen bezüglich Umsetzung und Lernerfolg zu erwarten?

(Bild: Fotolia) Fremdsprachenkenntnisse und -Umsetzung in der Sekundarstufe: Bald wissen wir mehr, ob das neue Fremdsprachenkonzept greift.

(Bild: Fotolia) Fremdsprachenkenntnisse und -Umsetzung in der Sekundarstufe: Bald wissen wir mehr, ob das neue Fremdsprachenkonzept greift.

Frühfranzösisch und Frühenglisch stehen in einigen Kantonen der Schweiz in der Kritik. Im Kanton Thurgau soll sogar der Französischunterricht in der Primarstufe aufgehoben werden. Für viele ein blasphemisches Vorhaben, da Französisch zur Schweizer Kultur gehöre – auch in der Deutschschweiz.

Der Grund für die Skepsis gegenüber dem neuen Fremdsprachenkonzept, basierend auf das Immersionslernen (Erklärung, siehe Kastentext): Das auf langfristige Lernziele ausgerichtete Konzept stösst nicht auf uneingeschränkten Applaus beim Zielpublikum und der Elternschaft. Warum ist das so?  Viele Eltern der Primarschülerinnen und -schüler machen sich seit der Einführung des neuen Lernkonzeptes mit dem neuen Französisch-Lehrmittel «Mille feuilles» und «Passe partout» einige Sorgen um die Lernwirksamkeit und zweifeln an der mittelfristigen Lerneffizienz bei ihren Sprösslingen. Seit einigen Jahren erleben wir eine immer wieder aufflackernde Debatte über den Fremdsprachenunterricht in den Primarschulen. Besonders die Einführung diverser Lehrmittel, die vor allem das interaktive Element betonen, wird in den Schulen von verschiedensten Stellen kritisiert. Es wird beobachtet, wie Primarschülerinnen und -schüler nach zwei bis drei Jahren Unterricht noch immer kaum zusammenhängende Sätze in einer Fremdsprache sprechen, geschweige denn eine Konversation führen könnten.

Auch positive Rückmeldungen
Und wie wird dies nunmehr in der Sekundarstufe aussehen? Auch seien die Anforderungen an das Lehrpersonal gestiegen und komplexer.  Nicht alle Lehrpersonen beurteilen die neuen Lernkonzepte und Lehrmittel negativ. Der Einführungsprozess ist auch auf der Sekundarstufe I gestartet. Die Einführung eines jeden neuen Konzeptes und Lehrmittel benötigt Zeit um sich zu etablieren, wird von  der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion des Kantons Balsel-Landschaft BKSD betont.

(Bild: JoW) Der Stein des Anstosses: Die neuen Fremdsprachen-Lehrmittel

(Bild: JoW) Der Stein des Anstosses: Die neuen Fremdsprachen-Lehrmittel

In Testklassen erprobt, überarbeitet und ergänzt
Dennoch stellt sich nun die berechtigte Frage: Sind die Schülerinnen und Schüler der Primarstufe beim Übertritt in die nächste Stufe heute weiter in Sachen Fremdsprachen als früher oder fehlt es an der Umsetzung? «Im Sommer 2017 wird die erste Wirksamkeitsstudie «Passepartout» auf der Primarstufe und im 2020 auf der Sekundarstufe in allen sechs Kantonen durchgeführt. Erste Ergebnisse zur Wirksamkeit des Fremdsprachenunterrichts mit den neuen Lehrmitteln liegen also voraussichtlich im Jahr 2018 beziehungsweise im Jahr 2021 vor. Erst zu diesem Zeitpunkt können differenzierte und fundierte Aussagen in Bezug auf die Zielerreichung in Französisch und Englisch gemacht werden», sagt Beat Lüthy, der Leiter des Amts für Volksschulen des Kantons Baselland. Ähnliches lässt auch Simon Thiriet, Leiter Kommunikation des Erziehungsdepartements des Kantons Basel-Stadt verlauten und schliesst sich der Antwort aus Baselland an. Er bestätigt aber auch, dass nach wie vor vor allem das Französischlehrmittel in der Kritik stehe: «Die Lehrmittel Mille feuilles bzw. Clin d’oeil für den Französischunterricht, aber auch New World für den Englischunterricht, wurden in Testklassen erprobt, überarbeitet und, wo möglich, umgehend ergänzt. So erschienen beispielsweise im Laufe des letzten Jahres für Französisch eine ergänzende Lernsoftware für den Alltagswortschatz, Praxishilfen für den Unterricht mit lernschwächeren Schülerinnen und Schülern, ergänzende Unterrichtsmaterialien zu Kommunikationssituationen aus dem Alltag und  zusätzliche Arbeitsblätter zur Individualisierung im Unterricht.»

Intensiver Austausch mit den Anspruchsgruppen
Zum aktuellen Stand bezüglich der «Akzeptanz» und Umsetzung dieser Lehrmittel heisst es von Beat Lüthy und von der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion des Kantons Basel-Landschaft: «Durch gewonnene Erkenntnisse im Austausch mit den Anspruchsgruppen im Kanton Basel-Landschaft, wurde zudem das Bedürfnis nach mehr Sicherheit im Umgang mit den Französischlehrmitteln insbesondere im Übergang von der Primar- in die Sekundarschule erkannt. Eine kantonsintern von Lehrpersonen ausgearbeitete Umsetzungshilfe, die spezifisch auf den genannten Übergang ausgelegt ist, wird auf Beginn des neuen Schuljahres den Schulen zur Verfügung gestellt. Mit diversen Informationsmaterialien zur Sprachlaufbahn und den Lehrmitteln, werden die Eltern zum Erlernen der Fremdsprachen aufgeklärt.» Die BKSD betont, das man das Gespräch mit den Lehrpersonen intensiv suche und im Austausch mit Verbänden und den Vertretungen der Schulleitungen sei, um die Weiterentwicklung der Lehrmittel voranzutreiben.

Einsatz einer «Echogruppe»
In Basel-Stadt wurden im März 2017 den Erziehungsberechtigten via Elternbrief wieder Informationen, Hinweise und Tipps zum neuen Fremdsprachenunterricht zur Verfügung gestellt. Das Erziehungsdepartement sei zudem in Kontakt mit den Schulleitungen, den Weiterbildungsinstitutionen, der Kantonalen Schulkonferenz (KSBS) und den Lehrpersonen. Simon Thiriet: «In regelmässigen Abständen wird eine so genannte Echogruppe im Einsatz sein. Diese besteht aus Lehrpersonen von der Kantonsschulen Basel Stadt (KSBS), Vertretern der KSBS und Schulleitungspersonen der Primarschule, der Sekundarschule und den weiterführenden Schulen.»

Kritik verstummt nicht – auch nicht von Seiten der Lehrervereine
Die Kritik verstummt aber kaum. So lässt sich beispielsweise Philipp Loretz, ein Französisch-Lehrer an einer Baselbieter Sekundarschule und Vorstandsmitglied des Lehrervereins des kantonalen Lehrerverbandes in den Medien folgendermassen zitieren: Nach vier Jahren Frühfranzösisch sind die Sprachkenntnisse der Schülerinnen und Schüler bescheiden. Den Schülern mangelt es vor allem am Alltagswortschatz. Sie seien es nicht gewohnt, sich mündlich frei zu äussern. Der Lehrerverband hat ausserdem eine Umfrage gemacht unter knapp 50 Sekundarlehrkräften. Sie alle unterrichten Kinder, die frisch von der Primarschule kommen. Die Resultate lassen aufhorchen: 97 Prozent der Lehrer sagen: Ihre Schützlinge hätten nach vier Jahren Frühfranzösisch einen schlechten oder nicht so guten Wortschatz. Eine Umfrage im Nachbarkanton Solothurn hat ähnliche Ergebnisse gezeigt − und auch im Kanton Bern gab es schon ähnliche Kritik.

Man darf also gespannt sein, wie das Langzeitkonzept für Fremdsprachen nach dem Immersionslernmuster in den kommenden Jahren anschlägt. Im August 2017 werden dann neue Klassen in die Sekundarstufe eintreten und erste Reaktionen sind zu erwarten.

JoW

Immersionslernen – was ist das?

Immersion bedeutet soviel wie «Eintauchen in ein Sprachbad». Diese Lernmethode eignet sich gut für Kinder vor der Pubertät, da bis zu einem Alter von etwa 10 Jahren mehrere Sprachen in ein und der selben Hirnregion abgelegt werden. Später hinzu kommende Fremdsprachen werden in einer anderen Hirnregion gespeichert. Die Kinder tauchen folglich in die neue Sprache ein. Dabei wird die neue Sprache zur Umgangs- und Arbeitssprache, auch wenn die Kinder sie zu Beginn noch nicht kennen. Sie erschliessen sich die neue Sprache selbst aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht wird. Entscheidend dabei ist: Verstehen kommt immer vor dem Sprechen. Immersion folgt deshalb den Prinzipien der Psycholinguistik. So erlernen Kinder ihre Muttersprache. Grammatik, der Wortschatz und konkretes Vokabeln werden nicht in erster Linie gefördert. Aber Gestik, Mimik, Bilder, Geräusche und so weiter werden in der Fremdsprache thematisiert. Oft spricht beim Immersionslernen in der Schule eine Lehrkraft konsequent die Muttersprache, die andere die Fremdsprache. Die fremdsprachliche Kraft unterstützt das, was sie tut, mit Zeigen und Gesten. Dafür muss ein Kind nicht jedes einzelne Wort verstehen, aber den Sachverhalt über die Ankurbelung der verschiedenen Sinne verstehen.

Schwierige «Fachtexte»?

Auch wenn die Lehrmittel in den letzten Monaten überarbeitet und den Bedürfnissen angepasst wurden, so bleibt eine gewisse Kritik bestehen. Jürg Wiedemann vom Komitee Starke Schule Baselland und Landrat Grüne-Unabhängige beispielsweise sagte schon mehrfach den Medien, dass was in den meisten Fächern selbstverständlich sei, also strukturiertes, automatisiertes Üben, nach Auffassung der Bildungskommissionen beim Erlernen einer Fremdsprache nicht nötig sei. Die Lehrmittel enthielten schwierige Fachtexte, die selbst manche Primarlehrpersonen nicht lückenlos verstehen würden. Die Mehrsprachigkeitsdidaktik erwarte von Primarschüler/-innen, dass sie diese komplizierten Texte mit Hilfe von Strategien selber entschlüsseln, wird kritisiert. «Statt Erfolgserlebnisse nehmen Frust und Demotivation zu», sagen die Kritiker. Erfolgreicher Fremdsprachenunterricht basiere auf einer aufbauenden Didaktik, die dem Entwicklungsstand der Lernenden angepasst ist. Dieses Prinzip gelte für alle Fächer. Eine Missachtung elementarer Entwicklungspsychologie werde hingenommen.

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