«Ich kann auch 2017 nicht auf alles Rücksicht nehmen»

Dieses Jahr wird für Thomas Geiger aufgrund der vielen Grossbaustellen besonders herausfordernd

Baustellen sorgen bei Anwohnern und Verkehrsteilnehmern selten für gute Stimmung: Sie behindern den Verkehrsfluss, produzieren Lärm und Umstände. Auch sorgen sie nicht für ein angenehmes Stadtbild einer Messestadt mit Anziehungspunkt für viele Touristen. Das ist die eine Sicht der Dinge. Aber beim Tiefbauamt gelten, zu Recht, andere Prioritäten.

(Bilder: JoW) Im 2017 werden besonders viele Gleissanierungsarbeiten durchgeführt. Das wird zu grösseren Behinderungen im Verkehr führen.

(Bilder: JoW) Im 2017 werden besonders viele Gleissanierungsarbeiten durchgeführt. Das wird zu grösseren Behinderungen im Verkehr führen.

Es ist jeweils eines der beliebtesten Sujets der Basler Fasnacht der letzten Jahre: Basels Baustellen! Die Stadt platzt denn auch 2017 verkehrstechnisch erneut mal wieder aus allen Nähten. Der Verkehrsfluss ist an einigen Knotenpunkten behindert. Im Frühling und Frühsommer erst recht, denn es ist Messezeit. Dabei ist  die hohe Bautätigkeit ein Indiz für die funktionierenden  Infrastrukturen des Kantons. Wir haben den Leiter Infrastruktur des Tiefbauamtes Basel-Stadt, Thomas Geiger, befragt und wollten wissen, wie er die Herausforderungen 2017 einstuft und auf die zu erwartenden Kritiken reagieren wird.

Jedes Jahr bringt neue Herausforderungen, auch im 2017. Dies als Folge der unterschiedlichen Projekte. Ob das laufende Jahr letztlich das herausforderndste sein wird, lässt sich laut Thomas Geiger noch nicht beurteilen. Er hofft aber «dass wir auch dieses Jahr unsere Baustellen unfallfrei abwickeln können». Zum Erhalt der Basler Infrastruktur erneuern das Tiefbauamt, BVB und IWB jährlich im Durchschnitt 6,1 Kilometer Strasse, 3,5 Kilometer Tramgleise und 50 bis 60 Kilometer Werkleitungen. Die Arbeiten im 2017 sollen nicht nur die Infrastruktur erhalten, sondern auch den (öffentlichen) Verkehr fördern und die Verkehrssicherheit und die Attraktivität der Stadt erhöhen.

Der Umgang mit Kritik
Im Fokus der Kritiken, wenn mal wieder in Basel der Verkehrsfluss zum Erliegen kommt und die Behinderungen Überhand nehmen, stehen dann jeweils die Planer. Thomas Geiger ist so ein Planer. Er ist sogar der oberste Planer», wenn es um Baustellenmanagement im Kanton Basel Stadt geht. Der Bauingenieur ETH/SIA ist verantwortlich für die Koordination und strategische Planung der Baustellen in Basel. Sein Fokus liegt eindeutig auf «Wert-
erhaltung» der Infrastrukturen und nicht nur auf dem optimalen Ablauf neuer Baustellen.

Wichtig ist für Thomas Geiger der professionelle Umgang mit Kritik an Baustellen und den oft damit verbundenen Behinderungen für die Bevölkerung: Anliegen würden ernsthaft geprüft. Im Rahmen des Möglichen werden zudem Verbesserungen umgesetzt. Wichtig sei auch das Aufzeigen und Erklären der Zusammenhänge, insbesondere bei Grossprojekten. Falschaussagen werden wenn immer möglich richtiggestellt. Hierbei brauche es aber oft auch die Einsicht und Unterstützung der Medien. «Für die Benutzerinnen und Benutzer der Strassen ist eine Baustelle in erster Linie einfach eine Baustelle. Es wird nicht differenziert, warum gebaut werden muss. Wie könnte man auch, ohne das Wissen, was genau an welcher Baustelle gemacht wird. Die meisten Baustellen werden für  Instandhaltungsmassnahmen und den Ersatz oder Erhalt der alten Anlagen errichtet. Das Kanalisationsnetz hat übrigens ein durchschnittliches Alter von über 75 Jahren. Dann kommen natürlich die neuen Bauvorhaben des Kantons, aber auch der Privatwirtschaft hinzu. Das Tiefbauamt informiert zwar laufend, was genau wo gemacht wird, aber verständlicherweise kann man nicht immer alles zur Kenntnis nehmen», so Thomas Geiger. Ihm ist bewusst, dass es immer wieder zu Kritik und Reklamationen über das Baustellenmanagement der Stadt Basel kommen kann. Besonders auch, wenn die Verkehrsbehinderungen scheinbar exponentiell steigen.

Thomas Geiger: Über seinen Tisch gehen die Projekte und er muss koordinieren und planen. Eine extrem herausfordernde Arbeit, oft begleitet von viel Kritik.

Thomas Geiger: Über seinen Tisch gehen die Projekte und er muss koordinieren und planen. Eine extrem herausfordernde Arbeit, oft begleitet von viel Kritik.

Die Infrastrukturen sollen jederzeit verfügbar sein
Der Standard sei bei der Anspruchsgruppe hoch, sagt Geiger: «Wir in der Schweiz sind es uns gewohnt, dass die Infrastrukturen jederzeit verfügbar sind und dass kaum Pannen entstehen, weil wir pro-aktiv und antizipierend planen. Dabei wird immer versucht, so effizient wie nur möglich innerhalb eines Perimeters zu planen und zu koordinieren. Leider können wir aufgrund der Dichte der Ereignisse und die Vielzahl der Veranstaltungen in Basel wenig Rücksicht nehmen und selten das Timing mit den Baustellen so optimieren, dass immer alles umgangen werden kann.»

Kosteneffizienz als Ziel
Der Planungsablauf ist in der Regel folgender: Der Erhaltungsbedarf werde als erstes aufgenommen und analysiert. Danach werden die Dringlichkeiten festgelegt und die Massnahmen geplant. Gleichzeitig wird nach Bedarf nachgeprüft, ob man im gleichen Perimeterbereich andere Erhaltungsmassnahmen einplanen könne und ob diese vom Timing, Aufwand und natürlich des Umfangs her passen. Schliesslich sei, so Geiger, zu verhindern, dass es zu einer zu grossen Verkehrsfluss-Behinderung kommt. Nebst der Werterhaltung der Infrastrukturen sind noch die Bereiche Sicherheit, Effizienz und Kostenmanagement enorm wichtig: «Es gilt, Verzögerungen zu vermeiden. Wir müssen da oft pragmatisch sein. Wir sind Techniker, die auf gute Abläufe  und Kosteneffizienz Wert legen. Schliesslich bewirtschaften und verwalten wir Anlagen im Wert von hunderten von Millionen Franken. Ich darf behaupten, dass wir in der Stadt Basel kaum Kostenüberschreitungen verzeichnen», sagt Geiger nicht ohne Stolz.

Langer Prozess einer Baustellenplanung
Die Planung einer Baustelle verläuft jeweils nach einem besonderen Muster. In vier Phasen (Strategische Planung, Vorstudie/Vorprojekt, Bauprojekt/Ausschreibung/Realisierung und Bewirtschaftung) wird die «Integrale Erhaltungsplanung aller Teilsysteme» eruiert. Dies bedeutet, dass die vorgeschlagenen Massnahmen zunächst an die Koordinationskommission für den Erhalt gehen und danach an die Koordinationskommission Infrastruktur. Dort findet die Abstimmung mit den Anspruchsgruppen für die Infrastruktur statt: Mobilität, Arealbewirtschaftung, Stadtgrün, Ver- und Entsorgung und so weiter müssen berücksichtigt werden. Ein koordinativer Massnahmenplan wird erstellt und die Massnahmen werden erst dann umgesetzt, wenn dieser Prozess erfolgt ist.

Die grossen Herausforderungen eines Planers
«Eine der grössten Herausforderungen für die Projektleitung bei der Umsetzung der Projekte ist die Baustellenorganisation und -logistik. Oft müssen wir Provisorien schaffen und können nicht immer alle Vorgänge wie aus einem Guss abwickeln. Besonders bei koordinierten Baustellen mit mehreren Projektpartnern müssen die unterschiedlichen  Bauvorgänge (Kabelverlegungen, Installationen unter Tage, Belagsarbeiten und so weiter) innerhalb einer Baustelle gut aufeinander abgestimmt werden. An der Fasnacht beispielsweise werden aus Sicherheitsgründen zudem auch viele Gross- und Kleinbaustellen mit grossem Aufwand geschlossen und gesichert. Thomas Geiger klärt auf: «Viele Leute meinen dann, dass wir beispielsweise die Strasse mehrfach aufreissen lassen und Fehlplanungen entstanden sind oder koordinativ etwas falsch lief. Das ist kaum der Fall. Oft müssen wir aufgrund der Sicherheit, des Verkehrsflusses und der Vorgehensweise Provisorien einrichten. Die Baustelle ist aber damit nicht geschlossen beziehungsweise das Projekt beendet.»

Was Thomas Geiger ebenfalls noch bei jedem Projekt als Herausforderung bezeichnet, ist die Zusammenarbeit mit den Baufirmen und der Fokus auf das qualifizierte Fachpersonal: «Je qualifizierter, effizienter und weitsichtiger die verantwortlichen Schlüsselpersonen sind, desto effizienter und sicherer kann eine Baustelle abgewickelt werden und desto weniger Umstände haben wir und die Bevölkerung zu erdulden. Deshalb sind gut qualifizierte Fachpersonen in diesem Bereich echte Perlen.»

JoW

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