«Falling Down» in Basel

Hitze, Staus und Parkplatzsuche – explosive Mischung für Leute mit dünnem Nervenkostüm

Studien belegen: Besonders im Sommer entladen sich durch Parkplatzmangel und Staus Aggressionen. Erst kürzlich entartete in Basel ein Streit um ein schlecht parkiertes Auto in eine wüste Massenschlägerei mit schweren Körperverletzungen. Und es wird wohl nicht besser, denn in Basel-Stadt werden weiter munter Parkplätze den Umgestaltungen der Strassen geopfert.

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(Bild: JoW) In den letzten Jahren wurden viele Parkplätze geopfert. Dies sorgte für gewisses Frustpotenzial

An einem heissen Sommertag sind alle Strassen der Stadt verstopft, als der ansonsten unauffällige Angestellte William Foster aus Frust seinen Wagen mitten auf der Autobahn stehen lässt und geht. Bald platzt ihm der Kragen und er beginnt, seinen ehelichen wie beruflichen Frust abzureagieren. So beginnt der bekannte sozialkritische Film «Falling Down» von Joel Schumacher mit Michael Douglas in der Hauptrolle.

«Aggressionstreiber»: Hitze, Feierabend, Stau und Parkplatzmangel
Hitze, Feierabend, Stau und vor allem Parkplatzmangel bringen die Aggression auf Touren: knapp überholen, eng aufschliessen, Weg abschneiden oder den Parkplatz wegschnappen kommen im Sommer besonders häufig vor. Die Sache mit den Parkplätzen stufen viele Forscherinnen und Forscher als jene Aktion mit dem wohl grössten Frustpotenzial ein. Der Grund: In diesen Situationen findet in der Regel zwischen den Protagonisten kein Austausch statt und so haben die Opfer das Gefühl, die Tat sei absichtlich passiert und persönlich gemeint.

Einen handfesten «Austausch» erlebte aber jene Person, die  ein falsch parkiertes Auto auf seinem Smartphone festhalten wollte. Der 59-jähriger Mann ist Anfang Juli 2018 in Basel tätlich angegriffen worden, als er dabei bemerkt wurde. Die Szene artete zu einer Massenschlägerei mit vier Verletzten aus. Drei Kosovaren im Alter zwischen 21 und 38 Jahren wurden danach festgenommen.Gemäss Mitteilung der Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt wurde der Mann vom Lenker des falsch parkierten Autos und zwei weiteren Männern angegriffen. Nach Hilferufen eilten die Kinder des Angegriffenen zu Hilfe. Der 59-Jährige sowie sein 28-jähriger Sohn wurden verletzt und mussten durch die Sanität in die Notfallstation eingewiesen werden. Auch zwei der Festgenommenen mussten ambulante ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Stau auf der Autobahn

(Bild: Fotolia) Erstaunlich: Basel-Stadt liegt im Schweizer Städtevergleich beim Stauaufkommen und der darin verlorenen Nettozeit recht weit hinten.

Studie: Basel hat tiefes Aggressionspotenzial im Strassenverkehr
Und dennoch: Basel ist gemäss einer von Fachleuten viel beachteten neuen Studie des grössten deutschen Autoteile-Händlers «kfzteile24» weltweit an dritter Stelle, wenn es um das tiefste Aggressionspotenzial im Strassenverkehr geht. Die Studienautoren befragten in jeder Stadt 1000 Autofahrer, ob sie in den letzten zwölf Monaten Aggressionen erlebt hatten. Noch weniger aggressiv sind die Autofahrer nur in Helsinki und Bordeaux. Mag sein, dass diese Resultate unter anderem auch auf die Befragten und deren Sozialisation zurück zu führen ist. Gestiegen ist das Frustpotenzial aufgrund der in den letzten Jahren umgesetzten Verkehrsmassnahmen im Vergleich zu früher wohl dennoch.

Apropos Frustpotenzial: Der Freiburger Strafrechtsprofessor Marcel Niggli sagte in einem NZZ Interview, dass Autofahrer generell unrealistisch mit ihrer Autofahrtzeit um. Jede weitere Verzögerung durch Staus oder Langsamfahrer und dazu auch noch eine nervige Parkplatzsuche verärgert sie, da bereits die Fahrt an sich nicht im Zeitbudget vorgesehen sei. Auto fahren, im Stau stehen und Parkplatzsuche werden nicht als eigenständige, zeitintensive Tätigkeit akzeptiert, sondern bloss als unliebsame Unterbrechung zweier wichtigerer Handlungen wahrgenommen.

Weitere Parkplätze verschwinden
Für alle, die nun bereits mit einem engen Nervenkostüm in Sachen Parkplatzsuche ausgestattet sind, brechen keine besseren Zeiten an. Es sei denn, man ist im Besitze einer Garage, eines Privatparkplatzes oder hat einen für teures Geld gemietet: Die Meldungen von «geopferten Parkzonen/Parkplätzen» in Basel-Stadt reissen seit Jahren nicht ab. Zuletzt wurde mitgeteilt, dass  im Rahmen der Sanierung und der damit verbundenen Umgestaltung der Missions- und Burgfelderstrasse 90 der heute über 200 Parkplätze verschwinden. Im Gegenzug werde die Sicherheit deutlich erhöht und der Verkehr fliesse besser, liess sich Martina Münch vom zuständigen Planungsamt Basel-Stadt zitieren. Es gäbe neue Tramhaltestellen, wo man auch mit einem Kinderwagen angenehm einsteigen könne. Denn Stellen, an denen Trams und Autos fast nicht kreuzen können, sollten verschwinden.

Die Sicherheit der verschiedenen Verkehrsteilnehmer sei bei der Neugestaltung ein wichtiger Faktor gewesen, denn vor 40 Jahren habe die Sicherheit noch nicht dieselbe Priorität gehabt wie heute. Auch die Polizei war bei der Planung beteiligt. «Auf diesem Strassenabschnitt passieren überdurchschnittlich viele Unfälle», sagte Martin Bischofberger von der Abteilung Verkehrssicherheit den Medien. Deshalb habe man bei der Sanierung besonders darauf geachtet, dass die Strasse übersichtlicher und die Fussgängerstreifen sinnvoll platziert seien. Die Parkplatzreduktion habe immer einen Grund, wurden die Verantwortlichen vom Planungsamt zitiert. Denn der zur Verfügung stehende Strassenraum wird durch die Häuserzeilen links und rechts der Strasse definiert und Trottoirs, die an dieser Stelle nicht allzu breit sind, müssen beidseits bestehen bleiben. Die Sanierung und Umgestaltung des Streckenabschnitts soll rund 35 Millionen kosten und muss noch vom Grossen Rat genehmigt werden. Dort ist eine hitzige Debatte vorprogrammiert. Und der Gewerbeverband droht bereits mit dem Referendum für den Fall, dass der Grossrat grünes Licht gibt.

Im «Traffic Index» und bei Zufriedenheitsstudien weit vorne
Das ruft in der Regel natürlich jene auf den Plan, die Basel-Stadt als eine der unfreundlichsten Städte für Automobilistinnen und Automobilisten erachten. Gefühlt mag dies sogar so sein, denn in den letzten Jahren wurde vieles umgesetzt, was den automobilisierten Alltag in der Stadt erschwert. Tatsache ist jedoch, dass ausgerechnet das rot-grün dominierte Basel ein für die Autofahrer angenehmes Pflaster ist, wie die schon erwähnte Studie von «kfzteile24» ausweist. Darin wurden die weltweit 100 Städte mit der grössten Anzahl vergleichbarer Verkehrsdaten untersucht. Basel erreichte den fünften Rang. Nur Düsseldorf, Dubai, Zürich und Tokio schnitten  besser ab.

Die Kriterien: Treibstoffkosten bei den lokalen Tankstellen, Anzahl Verletzte im Strassenverkehr und die Strassenqualität, das Verkehrsaufkommen sowie Verzögerungen durch Stau und stockender Verkehr. Die Studienautoren berufen sich dabei auf den «Traffic Index» des Navigationssystemherstellers TomTom.

In der Schweiz klassiert sich Basel unter den grösseren Städten beim Thema Stau auf Rang 2. Einzig in der Stadt Bern gibt es noch weniger Stau als in Basel. Ausgewertet wurde, wie viel Zeit man zusätzlich im Auto einplanen muss. Morgens sind es 34 Prozent mehr Zeit, abends 71 Prozent. Zusammengerechnet steht man im Grossraum Basel-Stadt  pro Tag 32 Minuten im Stau, also 123 Stunden pro Jahr, was 15 Arbeitstagen entspricht.
Erstaunlich: Auf Hauptstrassen (33 Prozent) steht man in der Region länger im Stau, als auf der Autobahn (20 Prozent).

JoW / div. Quellen

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