«Einige Parallelen möglich…»

Welcher Islam ist mit der Flüchtlingskrise ein­­gewandert? Eine Einschätzung aus «Basler Sicht»

Das Fazit tönt besorgniserregend: «Jung, religiös, antisemitisch und männlich», sei wohl eine Tendenz, die man beobachten würde. Es geht um eine Studie der Uni Wien, die zu beleuchten versucht, welcher Islam mit der Flüchtlingskrise eingewandert ist. Wir haben uns gefragt, ob sich diese Einschätzung auch mit jener deckt, welche die Basler Migrations- und Integrations-Sachverständigen, Expertinnen und Experten haben. Lukas Ott, Leiter Kantons-und Stadtentwicklung, sieht zwar einige Parallelen. Er betont jedoch, dass man unbedingt differenzieren müsse.

(Bild: zVg / Bilddatenbank Kanton BS) Im Einwohneramt Basel-Stadt an der Spiegelgasse laufen die Fäden zusammen für alles, was Bevölkerungsdienste und Migration betrifft

(Bild: zVg / Bilddatenbank Kanton BS) Im Einwohneramt Basel-Stadt an der Spiegelgasse laufen die Fäden zusammen für alles, was Bevölkerungsdienste und Migration betrifft

Integration ist das Schlagwort der letzten Jahre, wenn es um das Thema Migration geht. Ergo: In der österreichischen Stadt Graz wollte man eruieren, wen es künftig zu integrieren gilt. Kurt Hohensinner, Exekutivmitglied der steirischen Hauptstadt und für Bildung und Integration zuständig, beauftragte den Religionspädagogen Ednan Aslan von der Universität Wien mit einer Studie über die Flüchtlinge in Graz. Es seien viele Personen mit unterschiedlichsten Wertvorstellungen nach Österreich gekommen. Weil diese die Integration ebenso beeinflussten wie Sprache, Bildung oder Arbeit, war eine der zentralen Fragestellungen der Studie, welche religiöse und ethische Orientierung die muslimischen Flüchtlinge haben. Das Ziel war eine Differenzierung der Sach- und Faktenlage. Das Fazit ist jedoch nicht beruhigend: Zu viele Gruppierungen unter den zu Integrierenden seien wohl unter die Kategorie «Jung, religiös, antisemitisch und männlich» einzuordnen. Nun stellt sich die Frage, ob man im Grossraum Basel ähnliche Erfahrungen gesammelt hat.  Lukas Ott, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung, stand uns Red’ und Antwort.

Lukas Ott, wie schätzen Sie die Studie «Religiöse und ethische Orientierungen von muslimischen Flüchtlingen in Graz» aus dem Jahre 2017 von Ednan Aslan ein und gibt es für die Region, beziehungsweise für den Grossraum Basel und Nordwestschweiz Parallelen zu beobachten?
Lukas Ott: Die Studie setzt ihr Augenmerk auf die in Graz lebenden Flüchtlinge, welche mehrheitlich aus Afghanistan, Syrien und Irak stammen. Es liegt auf der Hand, dass gewisse Wertevorstellungen mitgebracht werden, welche vom Heimatland geprägt sind. Diese sind sowohl religiös als auch kulturell geprägt. Würde eine solche Studie in der Schweiz gemacht, wären Parallelen wie etwa die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder Homophobie wohl möglich, auch wenn sich die Zusammensetzung der Flüchtlinge in der Schweiz von jener in Österreich unterscheidet. Die Studie gelangt zu einer Anzahl von möglichen Handlungsfeldern. Im Bereich Bildung und berufliche Qualifikationen sollen die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden, über die Stellung der Religion in einer säkularen Gesellschaft soll frühzeitig aufgeklärt werden, beispielsweise in der stärkeren Einbindung der Flüchtlinge in zivilgesellschaftliche Strukturen. Wichtige Elemente sind der Dialog und die Begegnung auch über die Religionsgrenzen hinaus. Uns nicht bereits bekannte wesentliche Faktoren deckt die Studie nicht auf. Vielmehr bestätigt sie weitgehend die Erkenntnisse aus der Integrationsarbeit mit Flüchtlingen in der Nordwestschweiz.

Ist für die Nordwestschweiz, den Grossraum Basel oder für den Kanton eine solche Umfrage oder Studie geplant? Wann wurde die letzte solche Studie erstellt? Ist diese, falls vorhanden, noch repräsentativ?
Lukas Ott: Eine vergleichbare Studie für den Grossraum Basel oder auch schweizweit ist nicht geplant.

(Bild: zVg / Bilddatenbank Kanton BS) Integrationswilligkeit als Aufnahmebedingung. Die Hürden beim Prozess der Integration sind für einige Gruppen aus kulturellen und moralischen Gründen hoch.

(Bild: zVg / Bilddatenbank Kanton BS) Integrationswilligkeit als Aufnahmebedingung. Die Hürden beim Prozess der Integration sind für einige Gruppen aus kulturellen und moralischen Gründen hoch.

Welche Eindrücke gewinnen Sie in Ihrer täglichen Arbeit bezüglich der Einstellung diverser Gruppen zu den Themenfeldern, die in der Grazer Studie behandelt wurden?
Lukas Ott: Die Eindrücke der Grazer Studie können nicht ohne weiteres auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragen werden. Trotzdem bestätigen sich wesentliche Elemente wie etwa die Nutzung des Potentials in den Bereichen Bildung und berufliche Qualifikation auch hierzulande. Die vom Heimatland geprägten Wertvorstellungen kollidieren vereinzelt mit der säkularen demokratischen freiheitlichen Gesellschaft der Schweiz. Die Differenzen indes einzig auf die Religion oder den Aufenthaltsstatus (Asyl) zu reduzieren, greift zu kurz. Wenn zum Beispiel Frauen und Männer sich bei der Begrüssung die Hände nicht reichen, muss dies nicht automatisch religiös begründet, sondern kann Ausdruck eines anderen Begrüssungsrituals sein. Auch die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder etwa die häusliche Gewalt sind Phänomene, welche in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden müssen und nicht nur auf Religion oder Aufenthaltsstatus reduziert werden können. Es handelt sich hierbei um einen vielschichtigen und dynamischen Prozess. Erfahrungsgemäss verändern Flüchtlinge ihre Haltungen oder ihr Verhalten bezüglich eigenen und hiesigen Werten bei zunehmender Vertrautheit mit der Kultur der Aufnahmegesellschaft. Für differenzierte Aussagen zu diesem Themenbereich müsste jedoch deutlich mehr Zeit investiert werden.

Welche «zentrale Botschaft» ist aktuell aus Ihrer Sicht die wichtigste, angesichts der beschriebenen Situationen in der Studie und der eigenen Erfahrungen in der Region?
Lukas Ott: Die Grazer Studie bezieht sich auf eine Umfrage mit Flüchtlingen, welche sich noch im Asylprozess befinden. Die Integration der Flüchtlinge ist ein wichtiger Bestandteil für ein friedliches Zusammenleben in der Schweiz. Allerdings sollte unseres Erachtens nicht zu sehr auf die Personen aus dem Asylprozess fokussiert werden. Die Einwanderung in die Schweiz ist vielschichtig und Personen aus dem Asylbereich machen einen kleinen Prozentsatz aus. Für die Integration in der Nordwestschweiz ist die Zusammenarbeit mit den lokalen muslimischenm anderen religiösen Gemeinschaften und Migrationsvereinen zentral. Diese spüren die Auswirkungen der Migration aus dem Ausland als erstes und stehen mit den neu in die Schweiz gezogenen Ausländerinnen und Ausländern wie auch mit den Behörden in regelmässigem Kontakt. In diesen Kontakten wird deutlich gemacht, dass in Konflikten zwischen religiösen, kulturellen und staatlichen Regelungen und Gesetzen immer letztere gelten. Für eine erfolgreiche Integration sind Bildung und Begegnung sowie das Prinzip des Förderns und Forderns entscheidende Elemente.

JoW

 Moralisch, kulturelle «Überlegenheit»?

Die Resultate der publizierten Studie «Religiöse und ethische Orientierungen von muslimischen Flüchtlingen in Graz» sind ernüchternd: Es kamen mehrheitlich junge Männer, die nach wie vor an den religiösen Normen und Wertvorstellungen ihrer Herkunftsländer festhalten. Gottesglaube stehe bei vielen im Zentrum der Wertvorstellungen. Wie auch beim «Therwiler Fall» im Baselland (2016 – «Handschlag-Verweigerer» in der Schule) gibt es scheinbar auch in Graz eine «Handschlag-Debatte» innerhalb der muslimisch geprägten Gruppen. 44 Prozent der Befragten Männer befürworten Gewalt gegen Frauen, die ihren Mann betrügen. Etwa gleich hoch ist der Anteil jener, die es richtig finden, dass sich ein Vater notfalls mit Gewalt durchsetzt. Rund 52 Prozent der Befragten empfinden derweil  Homosexualität als unmoralische Lebensweise beziehungsweise als zu bestrafende Sünde. Zwar anerkennen 76 Prozent der befragten Personen die Demokratie als ideale Regierungsform. Gleichzeitig beklagen jedoch rund 45 Prozent von ihnen den Sitten- und Werteverfall in den westlichen Gesellschaften. Für «Ungläubige» wird von rund der Hälfte der Befragten kein Verständnis entgegen gebracht. Das Wort «Höllenstrafe» sei wohl oft gefallen. Auffallend: Der ausgeprägte Antisemitismus bei rund 46 Prozent. Die Meinung der moralischen und kulturellen Überlegenheit des Islams ist bei vielen tief verankert. Trotzdem glaubt die überwiegende Mehrheit nicht, dass ihre Religion in allen Glaubensfragen recht habe.

(Quelle: «Religiöse und ethische Orientierungen von muslimischen Flüchtlingen in Graz» aus dem Jahre 2017 von Ednan Aslan)

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