Erziehungsdirektor im Kreuzfeuer der Kritik

Pädagogik-Fachleute und Lehrervertreter/innen gehen auf die Barrikaden

An der Primarschule soll die Schraube angezogen werden. Ein Wechsel ins höchste Sekundarschulniveau P müsse in Zukunft schwerer zu schaffen sein. Und in der Sekundarstufe soll auf dem leistungsstarken Niveau «P» deutlich strenger benotet werden. Scheinbar läuten die Alarmglocken im Erziehungsdepartement aufgrund der hohen Gymnasialquote im Kanton.

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(Bilder: zVg. Bilddatenbank Kanton Basel-Stadt) Conradin Cramer (ganz links bei einer Grossratssitzung): Viel Gegenwind für sein Massnahmenpaket zur Senkung der Gymnasialquote.

Knapp 45 Prozent – das ist die aktuelle Gymnasialquote im Kanton. Das ist ein neuer Rekordwert. Eigentlich sei aber – so die Meinung von Bildungsexperten – eine Quote von 30 Prozent idealer und das Niveau im «Gymi» müsste angehoben werden. Geschehen soll dies mit eindeutigen Massnahmen und strengeren Noten bereits in der Primarschule und auf Sekundarschulniveau P. Diese Meinung vertreten das Erziehungsdepartement Basel Stadt und einige andere Exponenten und Fachleute der Branche. Aber es gibt auch viel Kritik und Gegenwind zu dieser These.

«Massnahmen ja – aber keine kontraproduktiven…»
Strengere Notengebung und höhere Anforderungen für den Eintritt in den so genannten «P-Zug» sind gefordert. Das Niveau soll so steigen und die Massnahmen sollen zudem verhindern, dass viele P-Schülerinnen und -Schüler in Zukunft zu Studienabbrecher/innen werden. Denn Basel-Stadt hat eine der höchsten Studienabbrecher-Raten in der Schweiz. In der Theorie hört sich dieser Plan nachvollziehbar an, aber eine breite Front von Fachleuten kritisiert den Plan von Erziehungsdirektor Conradin Cramer in aller Schärfe.

So liess sich beispielsweise die GLP-Grossrätin und Bildungspolitikerin Katja Christ  mit folgenden Worten zitieren: «Ich unterstütze Bemühungen ausdrücklich, die zu einem höheren Bildungsniveau führen. Aber die hierfür geplanten Massnahmen werden sich kontraproduktiv auswirken. Denn eine der Anpassungen sieht bekanntlich vor, dass beim Übertritt von der Primar- in die Sekundarstufe in der 6. Primarklasse sowohl das Zeugnis im Januar wie im Juni als Bewertungsgrundlage gilt. Wer beispielsweise eine Einteilung ins höchste Niveau P anstrebt, muss neu in beiden Zeugnissen einen Notendurchschnitt von 5,25 erreichen. Man kam in einem solchen Fall zwar nur provisorisch in eine P-Klasse. Wer sich jedoch ins Zeug legte und bei den Prüfungen nicht ungenügend abschnitt, konnte bleiben. Diese Option wird es im revidierten Beförderungsmodell nicht mehr geben.» (Quelle: BaZ)

Das Erziehungsdepartement muss harte Kritik einstecken für die Massnahmen zur Senkung der Gymnasialquote

Das Erziehungsdepartement muss harte Kritik einstecken für die Massnahmen zur Senkung der Gymnasialquote

Gefahr einer Zweiklassen­gesellschaft in der 6. Primarschulklasse
Verpasst nun ein Schüler der 6. Primarklasse aufgrund seiner Leistungen im Januar knapp das Niveau P, kann er sich bis zu den Sommerferien noch so sehr anstrengen: Es bringt nichts. Motivierend sei ein solches System nicht, sagen viele Pädagoginnen und Pädagogen. Ausserdem würde in den 6. Primarschulklassen nach dem ersten Halbjahreszeugnis dann auch eine Zweiklassengesellschaft entstehen mit äusserst unterschiedlichen Motivationsgrundlagen. Die «Enttäuschten» – egal ob es um den Einzug ins «P»- oder «E»-Niveau (zweithöchstes von drei Niveau-Stufen) würden sich womöglich im letzten Primarschul-Halbjahr gehen lassen. Der Plan sei also sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis nicht bis zuletzt durchgedacht worden.

Konzept nicht bis zu Ende gedacht…?
Auch der Pädagogik-Professor Winfried Kronig kritisiert in seinen Interviews die Massnahme des Basler Erziehungdepartements, mittels tieferen Durchschnittsnoten die Gymnasialquote herabzusetzen. Die Forschung zeige, so sagte er der «bz», dass sich Schulklassen in ihrem Leistungsspektrum wesentlich unterscheiden. «In einer Nationalfondsstudie mit 2000 Sechstklässlern haben wir nachgewiesen, dass dieselbe Leistung in schwächeren Klassen mit ‹gut› und besseren Klassen mit ‹ungenügend› bewertet wird. Das Erziehungsdepartement hat sich also bei dieser Massnahme nicht von Forschern beraten lassen… .» Ein sakrosanktes Rezept, die hohe Gymnasialquote in Basel-Stadt zu senken hat Kronig nicht, aber er sein Wissen um die systematischen Verzerrungen bei Benotungen aus 20 Jahren Forschung auf dem Gebiet lasse ihn eher die Frage stellen, ob eine Begrenzung der Gymnasialquote wirklich erstrebenswert sei. Er meint sogar, dass man Schüler mittels Noten nur schlecht bewerten kann und deshalb lieber mehr als weniger ans Gymnasium lassen sollte.

Lehrpersonen als «Notendurchschnittstechnokraten»?
Auch Gaby Hintermann, Präsidentin der kantonalen Schulkonferenz und Sekundarlehrerin, hatte sich prominent und energisch zu Wort gemeldet. Die Sekundarlehrerin unterrichtet am Theobald Baerwart-Schulhaus im Kleinbasel und kann es nicht nachvollziehen, warum sie ihre Klassen nun «künstlich strenger» benoten solle. In Interviews, wie beispielsweise jenes im SF Regionaljournal meinte sie: «Die Reaktionen waren ziemlich heftig, als die Schulleitung die Massnahmen des Erziehungsdepartements vorgestellt hat. In Zukunft müssen wir die Schraube anziehen, der Notendurchschnitt in den leistungsstarken P-Zügen der Sekundarschule darf die Note 5 nicht mehr übersteigen. Von meinen 25 Schülerinnen und Schülern haben 20 die Qualifikation fürs Gymnasium erreicht. Und dies zu Recht.» Sie sei sehr enttäuscht, sagte sie dem Regionaljournal, denn dies sei der erste Jahrgang nach der neuen Schulreform. Lehrerinnen und Lehrer hätten die integrative Schule und den Lehrplan 21 einführen müssen. Die Massnahmen der Schulbehörden würden sicher schnelle Ergebnisse bringen, sprich die Quote der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten senken, pädagogisch seien sie aber nicht sinnvoll. Sinnvoller wäre es klarer zu definieren, welche Ziele Schülerinnen und Schüler erfüllen müssten, um am Gymnasium bestehen zu können.

Das Kirschgarten-Gymnasium – Werden sich wegen der neuen Quotenziele des Erziehungsdepartementes bald weniger Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hier aufhalten können?

Das Kirschgarten-Gymnasium – Werden sich wegen der neuen Quotenziele des Erziehungsdepartementes bald weniger Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hier aufhalten können?

Die Beschlüsse des Erziehungsdepartements würden – so die Kritiker – dazu führen, dass Lehrpersonen zu Notendurchschnittstechnokraten degradiert würden. Auf den Umstand, dass eine Schulklasse sich dynamisch entwickle, könne auf diese Weise nicht mehr berücksichtigt werden. Das Erziehungsdepartement wolle ganz einfach stur das Ziel erreichen, dass pro Jahrgang je zu einem Drittel die Schüler/innen in die Niveaus A, E und P eingeteilt würden. Damit sei de facto ein Numerus clausus eingeführt worden und dieser sei politisch nicht abgesegnet.

Cramer brauchte Lösungen – Aber ohne Dialog mit der Zielgruppe?
Tatsache ist aber: Conradin Cramer steht wegen der hohen Gymnasialquote unter Druck. Der Kanton verzeichnet eine hohe Zahl an Studienabbrechern und einer der Gründe hierfür ist wohl an den Zulassungsmodalitäten zum Gymnasium detektiert worden. Er muss also Lösungen präsentieren. Was man ihm und seinem Beraterteam nun vorwirft ist, dass «einmal mehr nicht der Dialog mit den verschiedenen Schulgremien wie Elternräten und Lehrerverband gesucht, sondern ein ‹Befehl› an die Schulen erlassen wurde», wie viele Kritiker/innen es formulierten. Das Wort «Schreibtischtäter» macht die Runde. Die Chefs im Erziehungsdepartement hätten das neue Konzept am Reissbrett entworfen und viele relevante Aspekte nicht mit einbezogen. Auch wenn volkswirtschaftlich vieles Sinn mache.

JoW, diverse Quellen

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